Das gestohlene Mittsommerfeuer

20.08.2018

 

Es war ein warmer Abend und die Gruppe versammelte sich freudig ums Lagerfeuer. Sie hatten schon lange keine Geschichte mehr gehört. Luana hatte ihnen schon am Morgen eine ganz besondere versprochen. Sie konnte kaum ihren Nachtisch fertigessen, als schon die ersten Rufe nach der versprochenen Geschichte laut wurden. Schliesslich streckte Luana ihre Füsse dem Feuer entgegen, wartete, bis alle still waren und begann zu erzählen.

«Früher wurde hier auf dem Schwanderberg edes Jahr ein grosses Mittsommerfeuer entzündet. Jedes Jahr wuselte es hier wochenlang nur so von Elfen, Zwergen, Feen, Trollen, Hexen, Magiern und anderen Wesen, die Holz zusammensuchten. Denn es war ganz wichtig, dass das Holz für dieses ganz besondere Feuer von neun verschiedenen Bäumen stammte. Neun Hölzer, zum richtigen Zeitpunkt gesammelt, mussten auf einem Haufen gesammelt werden und wurden zu Mittsommer für das grosse Fest angezündet. Das Gleiche wurde auch zur Wintersonnenwende gemacht, nur war da das Feuer etwas kleiner.

Jedes Jahr sammelten also die Wesen, die hier auf dieser Talseite wohnten, das Holz und brachten es auf diese Wiese, die es damals schon gab. Hier wurde es aufgeschichtet und die Schamanen sprachen ihren Segen und die Elfen brachten Blumen, um es zu schmücken und die Zwerge stellten ihre besonderen Fackeln in einem Kreis darum herum auf. Die Zwergenfrauen buken, die Feen sammelten Nektar, die Trolle schleppten ihre schönsten Steine an, damit auch alle einen Sitzplatz hatten. Alle halfen mit, sodass es schon vor dem eigentlichen Fest ein Fest gab.

Doch dann, in einem Jahr, wo der Holzhaufen besonders gross und besonders schön geworden und schon zwei Tage vor dem Fest fertig war, passierte das Unvorstellbare: Am Morgen vor dem grossen Mittsommerfest war der Holzhaufen plötzlich einfach weg. Nun mögt ihr denken, dass das ja gar nicht so schlimm sein kann, es ist ja nur Holz und da, wo es herkam, gab’s bestimmt noch mehr. Aber so einfach ist es nicht. Für das Mittsommerfeuer braucht es ganz bestimmtes Holz, es muss zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt gesammelt werden und wenn man diesen Zeitpunkt verpasst, ist es kein Mittsommerholz mehr. Die Ältesten waren sich da immer absolut einig gewesen. Deshalb waren die Bewohner des Schwanderbergs auch so aufgebracht, als sie das Verschwinden bemerkten. Ohne das Mittsommerfeuer brauchten sie eigentlich gar kein Mittsommerfest machen. Und ohne Mittsommerfest war ihr Jahresablauf irgendwie nicht vollständig.

Niemand hatte in der Nacht etwas gesehen oder gehört und niemand wusste, wer so dreist sein könnte, das Holz zu stehlen. Alle redeten durcheinander, niemand brachte eine gute Lösung. Bis schliesslich meine Grossmutter, die damals noch eine ganz junge Elfe war, vortrat und sagte, sie würde sich auf die Suche nach dem Holz machen. Es könne ja nicht einfach vom Erdboden verschluckt worden sein (dass Dinge durchaus schon einfach vom Erdboden verschluckt worden waren, mochte an dieser Stelle niemand einwenden).

Meine Grossmutter zog also los, denn sie hatte längst eine Idee, wer ihnen helfen könnte, herauszufinden, wo das Holz war. Es gab auf dem Berg nämlich eine junge Hexe, die erst vor Kurzem hergezogen war und sich in einem kleinen Häuschen eingerichtet hatte. Die Gerüchte erzählten, dass sie eine Kristallkugel besass, mit der sie Dinge sehen konnte, die für ein normales Auge nicht sichtbar waren. Meine Grossmutter klopfte also an die Tür der Hexe. Diese war noch etwas verschlafen, als sie die Tür öffnete. Sie hatte von der ganzen Aufregung weiter oben auf dem Berg noch gar nichts mitbekommen. Aber sie war natürlich gerne bereit, zu helfen. Die Wesen auf dem Berg hatten sie freundlich aufgenommen.

Ihre Kristallkugel war zuerst etwas unklar, aber nachdem die Hexe ihren Morgentee getrunken hatte, wurde es besser. Sie zeigte einen See auf einem Berg, umgeben von Felsen und noch höheren Bergen. Dort war das Holz wohl abgeblieben. Aber er sah so gar nicht aus wie der See, der hinter dem Schwanderberg und noch ein Tal weiter lag. Wo also konnte das Holz hingekommen sein? Die Hexe fand schliesslich die Lösung: Es war am Oberblegisee, auf der anderen Seite des Haupttales. Wie genau es da hingekommen war, das wollte die Kristallkugel nicht verraten. Aber die Hexe war sich sicher, dass sie es herausfinden würden.

Weil wir Elfen nicht fliegen können und es für unsere kurzen Beine ein ziemlich weiter Weg ist vom Schwanderberg her runter ins Tal und dann auf der anderen Seite wieder hoch bis zum Oberblegisee, bot die Hexe an, dass sie zusammen auf ihrem Besen hinüberfliegen konnten. Sie hatte es damals am Ende ihrer Ausbildung nicht übers Herz gebracht, den Besen, den sie in mühseliger Handarbeit selbst gemacht hatte, ins Feuer zu werfen, und hatte ihn behalten. Nun erwies er sich als sehr praktisch, denn sie hätte die Kraft nicht gehabt, neben ihrem eigenen Gewicht auch noch das meiner Grossmutter übers Tal zu fliegen. Mit dem Besen aber ging es ganz gut und die zwei kamen sicher auf der anderen Talseite an.

Dort fanden sie das Holz – und diejenigen, die ausgezogen waren, um es zu stehlen. Es stellte sich heraus, dass die Wesen des Oberblegisees Jahr für Jahr hinüber zum Schwanderberg geblickt und das schöne Mittsommerfeuer gesehen hatten. Und jedes Jahr wünschten sie sich, dass sie selbst auch ein solch schönes Mittsommerfeuer haben könnten. Schliesslich war es dem Drachen, der oberhalb des Sees in den Felsen wohnte, zu bunt geworden. Er flog in der Nacht (er ist nämlich ein nachtaktiver Drache) hinüber auf die andere Talseite, schnappte sich das ganze Holz und platzierte es neben dem Oberblegisee, in der Hoffnung, dass damit das Gejammer endlich aufhören würde.

«Aber das ist nicht fair!», entrüstete sich meine Grossmutter. Sie konnte nicht glauben, dass der Drache einfach losgeflogen war und ihr ganzes Holz gestohlen hatte. Und seine Grösse beeindruckte sie schon gar nicht. Sie hatte schon ein paar Mal mit dem Drachen vom Tödi zu tun gehabt und der war mindestens doppelt so gross wie der Drache vom Oberblegisee. Es entspann sich eine lange Diskussion darüber, was nun zu tun war, denn eigentlich war es ja ein verständlicher Wunsch der Bewohner der Gegend um den Oberblegisee, dass sie auch ein Mittsommerfeuer bekamen. Aber meine Grossmutter wollte nicht zulassen, dass es auf Kosten ihres eigenen Mittsommerfestes ging, denn sie alle hatten so lange und so hart dafür gearbeitet.

Irgendwann schaltete sich die Hexe in die Diskussion ein. Sie war zuerst still geblieben, weil sie sich immer noch als die Neue fühlte und deshalb nicht sicher war, ob es erwünscht war, dass sie mitdiskutierte. Aber hier war die Lösung so einfach, dass sie es einfach nicht aushielt, still zu bleiben. «Hört mal», sagte sie also, «ihr könnt es doch ganz leicht lösen: Der Drache fliegt einfach die Hälfte des Holzes wieder zurück, und die andere Hälfte bleibt hier. Und von euch kommt jemand mit, damit wir ihm drüben zeigen können, wie wir das immer machen mit dem Mittsommerfeuer. So könnt ihr nächstes Jahr euer eigenes Feuer machen und braucht nicht mehr das Holz zu stehlen, das wir drüben in mühseliger Arbeit gesammelt haben. So könnt ihr doch ganz einfach in Zukunft euer Mittsommerfest feiern.»

Da gab es eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Meine Grossmutter teilte den Holzhaufen sorgfältig in zwei Hälften, sodass beide jeweils alle neun Hölzer enthielten. Dann schnappte sich der Drache das Holz, um es wieder rüber auf den Schwanderberg zu fliegen. Einer der Elfen vom Oberblegisee setzte sich zu der Hexe und meiner Grossmutter auf den Hexenbesen, um das Mittsommerfest drüben auf dem Schwanderberg zu verbringen.

Die Wesen vom Schwanderberg waren natürlich überglücklich, ihr Mittsommerfeuer nun doch entfachen zu können, auch wenn es viel kleiner war als geplant. Meine Grossmutter erklärte dem anderen Elfen alles haargenau, woher das Holz kam, wer es sammelte, wie es gesammelt wurde und wie es schliesslich für das Feuer aufgeschichtet werden musste. Als das Fest losging, brachte sie ihm auch die Tänze bei, die sie immer tanzten, die Lieder, die gesungen, und die Geschichten, die erzählt wurden. Und als das Fest vorbei war, versprach sie, vor der Wintersonnenwende rüber zum Oberblegisee zu kommen, um ihnen zu helfen, das Winterfeuer vorzubereiten. Und im Jahr darauf ging sie wieder hinüber, um bei den Vorbereitungen für das Mittsommerfeuer zu helfen. Und seitdem gibt es auf beiden Talseiten immer ein Mittsommer- und ein Mittwinterfeuer. Manchmal fliegen der Drache oder die Hexe hin und her und bringen Besucher von der einen Talseite auf die andere. Manche machen sich auch schon früher auf, um auf der jeweils anderen Talseite bei den Vorbereitungen zu helfen. Und der Elf, der als erster herüberkam – nun, das war mein Grossvater.»

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