Der Schwan von Fintra Beach

12.11.2017

 

Gleich auf der anderen Strassenseite von unserem Haus gab es eine alte Eiche. Sie war knorrig und verwachsen und nicht besonders gross, wie die meisten Bäume, die so einsam hier direkt am Meer standen. Sie hatte nichts von den riesigen, majestätischen Eichen, wie man sie aus Büchern kannte, unter denen die Wikinger ihre Tings abgehalten hatten. Trotzdem war sie mindestens genauso alt. Sagte jedenfalls mein Grampa.

 

Ich mochte die Eiche. Ihre Äste bildeten ein natürliches Dach und zusammen mit dem Hügel auf der einen und dem Gebüsch auf der anderen Seite war es beinahe, als ob sie Teil eines Hauses wäre. Man war geschützt vor Blicken, vor Regen und dem allgegenwärtigen Wind. Ich verbrachte als Kind und Jugendlicher unzählige Stunden, ja ganze Nachmittage hier, spielte mit den Holzsoldaten, die Grampa mir geschnitzt hatte oder hing einfach nur meinen Gedanken nach und versank in meiner eigenen Welt. Hin und wieder, wenn ich in der richtigen Stimmung war, führte ich dort lange Selbstgespräche und in der bewegten Zeit meiner Jugend war die Eiche mein liebster Ort, um mir über allerlei Dinge klarzuwerden. An manchen Tagen wirkte die Eiche regelrecht lebendig und es gab eine Zeit, da ich überzeugt war, dass der Geist meiner Gran, die ich nie kennengelernt hatte, dort wohnte.

Mein Grampa liebte es, Geschichten zu erzählen. Und ich hörte am liebsten Geschichten, die sich um die alte Eiche drehten. In den meisten kamen irgendwelche Elfen oder Kobolde vor. «Kleines Volk» nannte Grampa sie. Am besten gefiel mir immer die Geschichte, die Grampa erzählte, wenn wir unten am Meer den Schwan fütterten, der dort immer auf etwas Brot wartete.

 

In alten Zeiten (so begann Grampa alle seine Geschichten), bevor an der Eiche eine Strasse vorbeiführte und als die Halbinsel noch weniger dicht besiedelt war, lebte eine junge Frau mit ihren Eltern aufeinem Hof ganz am äussersten Ende der Halbinsel. Immer wieder traf sie auf dem Markt im Dorf auf einen Fischerjungen und über den Verlauf von vielen Begegnungen verliebten sich die beiden jungen Menschen. Sie schafften es endlich, sich bei der alten Eiche zu verabreden. Die Zuneigung, die über die Wochen auf dem Markt gewachsen war, entflammte nun, da sie sich endlich ungestört unterhalten konnten, vollends und die beiden wollten fortan am liebsten keine einzige Minute ohne einander verbringen. Sie tauschten Zeichen ihrer Liebe aus – er schenkte ihr einen Löffel, den er in langen Stunden selbst und reich verziert hatte und sie gab ihm ein hübsch besticktes Taschentuch, in das sie eine Strähne ihres langen, blonden Haars eingearbeitet hatte. Noch wollten sie ihre Liebe geheim halten, weil dem Fischerjungen das Geld fehlte, um sich und seiner Liebsten ein Haus zu kaufen, aber sie wollten so bald als möglich heiraten. Viele Treffen unter der alten Eiche folgten diesem ersten, sodass die Eltern des Mädchens bald misstrauisch wurden. Denn so oft sie hinausging, um Beeren oder Pilze oder Kräuter zu sammeln, blieb sie viel länger aus als zu erwarten war und immer glühten ihre Wangen rosig, wenn sie zurückkam. Und jedes Mal war ihr Korb übervoll mit Gaben der Natur, ganz gleich wie das Wetter gewesen war oder wie viel zu erwarten war.

 

Dass das Mädchen aber jedes Mal einen übervollen Korb heimtrug, lag natürlich nicht daran, dass sie neue, besonders reiche Erntegründe gefunden hätte. Denn jedes Mal, wenn sie zu der Eiche kam, stellte sie den Korb ab und vergass ihn alsbald. Aber jedes Mal, wenn sie sich endlich von ihrem Geliebten löste, um zu ihren Eltern zurückzueilen und auf dem Weg wenigstens noch etwas zu sammeln, stand der Korb schon prall gefüllt mit den reichsten Gaben der Natur da. Dass dies eine Tat der Feen und Kobolde der Eiche sein musste, wusste das Mädchen natürlich und so vergass sie nie, ein Stück Brot oder Gebäck aus der Küche mitzunehmen und es dem kleinen Volk als Dank dazulassen.

 

So vergingen Wochen und Wochen. Die Eltern des Mädchens wunderten sich weiterhin über die reiche Ernte, die sie immer wieder erhielten, obwohl es schien, dass ihre Tochter sich mit allem anderen als mit ihrem Sammeln beschäftigte. Doch da ihre Vorratskammer mit den vielen Dingen, die sie heimbrachte, gut gefüllt war, stellten sie nicht zu viele Fragen. Doch als der Herbst in den Winter überging und die Stürme immer schlimmer wurden, fuhr der Fischerjunge eines Morgens mit seinem Vater hinaus, da sie es sich nicht leisten konnten, einen ganzen Tagesfang auszulassen, so mager er auch sein mochte. Doch ihr Schiff wurde von den Wellen hin und her geworfen, sie waren dem Wetter hilflos ausgeliefert und von einer besonders hohen Welle wurde der Junge über Bord gerissen und ertrank. An jenem Tag aber hätte er seine Liebste wieder unter der alten Eiche treffen sollen. Sie war, beunruhigt vom Heulen des Sturms, in dem sie wieder und wieder die Stimme ihres Liebsten zu hören geglaubt hatte, früher als sonst zum verabredeten Treffpunkt gekommen. Warm eingepackt in einen dicken Mantel setzte sie sich unter die Eiche und wartete. Aber ihr Liebster tauchte nicht auf und der Wind blies noch immer um die Hügel und pfiff zwischen den Felsen hindurch. Sie wartete und wartete, hoffte und bangte, aber ihr Geliebter tauchte nicht auf und auch niemand, um ihr Nachricht zu bringen von seinem Schicksal. Sie wusste nicht, was mit ihm geschehen war, ob er absichtlich nicht kam oder ob ihn etwas aufgehalten hatte, und so harrte sie aus, mit unruhigem Geist, marschierte unter der Eiche auf und ab, setzte sich hin, stand wieder auf, rannte auf den Hügel, um Ausschau zu halten, dann wieder in den Schutz des Baums, dass es mitleiderregend war.

 

Die Feen und Nymphen, denen die Eiche Heimat war und die mit wachsendem Wohlwollen die beiden jungen Leute beobachtet hatten, sahen die Angst des Mädchens ungern und so beschlossen sie, dass eine von ihnen losfliegen sollte, um herauszufinden, was mit dem Jüngling los war und warum er nicht kam. Auch sie hofften, dass es einen einfachen Grund dafür gab, dass er nicht kam, aber sie hatten den Sturm gehört und gespürt und wussten, was er mit Fischern machen konnte, wenn ihn die Laune dazu trieb. Die kleine Fee flog so schnell sie ihre Flügel trugen hinunter zum Wasser, um die Meeresnymphen zu befragen und zu hören, was sie zu berichten hatten. Noch immer schickte der Sturm letzte Böen zum Land und so war es für die kleine Fee nicht einfach, bis zum Ufer hinunter zu fliegen. Auch die Meeresnymphen waren an jenem Tag aufgebracht, denn der Sturm hatte so einiges durcheinandergewirbelt. Als sie die kleine Fee ankommen sahen, sammelten sie sich neugierig am Strand. Keine von ihnen hatte aber vom Schicksal der Fischer etwas mitbekommen, sodass sie wiederum einige der ihren losschickten, um bei ihren Verwandten draussen im Meer nach Neuigkeiten zu fragen.

 

Und so dauerte es bis zur Dämmerung, bis die kleine Fee endlich wieder zurück bei der Eiche war, wo ihre Schwestern und Brüder schon ungeduldig auf sie warteten und sich fragten, was sie denn so lange trieb. Der Fischerjunge war von seinem Vater aus dem Meer gezogen worden, aber der alte Mann hatte nichts mehr für seinen Sohn tun können. Inzwischen hatte, unbemerkt von der jungen Frau, die sich inzwischen erschöpft von der Unruhe und dem langen Warten an den Stamm der Eiche gelehnt hatte und eingeschlafen war, im Dorf die Nachricht umgegangen, dass der junge Fischer tot war. Aber niemand wusste von seiner Liebe zu der Bauerstochter, sodass niemand sich auf die Suche nach ihr machte, um ihr vom Schicksal ihres Liebsten zu berichten. Auch ihre Eltern hatten noch nichts davon gehört, da sie nur an Markttagen ins Dorf gingen.

 

Die Feen und Nymphen berieten unter sich, was sie nun tun sollten, da das Mädchen unbedingt die Neuigkeit erfahren musste. Es wurde schliesslich beschlossen, dass eine der ihren dem Mädchen im Traum erscheinen und ihr die traurige Nachricht überbringen müsse. Es war keine leichte Aufgabe – sie mussten auslosen, wer sie übernehmen musste, denn niemand wollte der Überbringer einer schlechten Nachricht sein.


Die Nymphe, die letztendlich die traurige Aufgabe übernehmen musste, tat dies mit schwerem Herzen. Die junge Frau sass immer noch an den Stamm der Eiche gelehnt, in einen unruhigen Schlaf versunken. Sie träumte von allen Möglichkeiten, warum ihr Liebster nicht auftauchte. Die Nymphe versuchte, die Neuigkeit so sanft wie möglich zu überbringen und dem jungen Mädchen gleichzeitig Trost zu spenden.

 

Drei Nächte und Tage blieb die junge Frau unter der Eiche sitzen, weinte und klagte, bis die Nymphen und Feen endlich Erbarmen mit ihr hatten. Noch einmal flog die kleine Fee zu den Meeresnymphen und bat sie um ihre Mithilfe. Und gerade, als die Dämmerung einsetzte, fühlte sich das Mädchen von einem Wind erfasst, der sie umwehte und mit sich trug, runter zum Meeresufer, wo sie in die Wellen eintauchte. Danach wurde lange alles schwarz um sie. Erst, als die Sonne ihr Gesicht küsste, erwachte sie wieder. Sie streckte ihre müden Glieder und war überrascht, statt Händen und Armen Flügel zu haben und Federn, die sich statt ihrer Finger spreizten. Sie blickte an sich herunter und sah, dass die Feen sie in einen Schwan verwandelt hatten.

 

Der Schwan hat Fintra Beach nie verlassen. Er wartet dort immer noch und lässt sich bereitwillig füttern. Ob die junge Bauerntochter jemals akzeptieren konnte, dass ihr Liebster nicht zurückkommen wird, oder ob sie da ausharrt in der Hoffnung, dass er eines Tages wieder vor ihr stehen könnte, damit sie sich zurückverwandeln kann, weiss ich nicht.

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