Kneipentour

18.09.2017

 

Wir fingen unseren Abend faulerweise im ersten Pub an, das wir fanden. Ein Guinness war schnell getrunken und schon ging es weiter. Wir alberten rum, stritten uns darum, wohin wir als nächstes gehen wollten, kamen aus dem nächsten Pub sehr schnell wieder raus, da uns die Musik nicht passte, und stolperten in das nächste hinein, um ein weiteres Pint zu leeren. In einer Seitengasse fanden wir einen Fish’n’Chips-Laden, wo wir uns auch prompt reinsetzten, um uns etwas Boden für die nächste Runde zu verschaffen. Vertieft in eine Unterhaltung, die schon längst ihren Faden verloren hatte, schauten danach wir nicht mehr wirklich darauf, wohin unser Weg führte.

Vor uns tauchte plötzlich ein Paar auf, das uns einen kleinen Moment verdutzt stehen bleiben liess. Beide schienen praktisch durch die Gasse zu schweben. Er trug einen langen Mantel und, wie es schien, enge Hosen und Stiefel. An seinen Schultern hatte er den Mantel wohl mit irgendwas Glänzendem verziert, sodass er im Licht der Strassenlaternen seltsam zu leuchten schien. Sie wiederum war ganz und gar in glänzendes Material gehüllt. Ihr Kleid, das für die doch schon etwas kühleren Herbsttemperaturen viel zu freizügig wirkte, wehte im Nachtwind hinter ihr her. Es brauchte nur einen kurzen Austausch von vielsagenden Blicken, um zu beschliessen, dass wir den beiden hinterhergehen und sehen wollten, wohin sie so speziell gekleidet unterwegs waren – an einem Dienstag.

Zwei unerwartete Abzweigungen weiter waren die beiden plötzlich verschwunden. Wir standen in einer recht dunklen Gasse, der Lärm der Hauptstrasse hallte in der Ferne nach. Es war beinahe unheimlich ruhig. Jemand war vorausgegangen, um zu sehen, wohin die beiden verschwunden waren. «Da ist eine Bar! Lasst uns reingehen!» Wir standen plötzlich vor einem grossen, von innen nur schwach beleuchteten Fenster mit grünem Fensterrahmen, über dem auf einem recht alt wirkenden Schild etwas auf Irisch stand, das wir nicht verstanden. Die Tür war ebenfalls grün gerahmt und hatte eine – man glaubte es kaum – silberne Türklinke. Von drinnen drangen gedämpfte Stimme und eine seltsame Flötenmusik, die uns neugierig machte. Bevor jemand einen Einwand erheben konnte, war die Tür auch schon offen und wir standen in einem Pub mit gelblich-grünem Licht, das recht gut gefüllt war. Als ob unser Auftritt etwas zu laut gewesen wäre und wir ein wichtiges Gespräch unterbrochen hätten, hatten sich alle Köpfe nach uns umgedreht und für einen Augenblick erstarb jegliches Geräusch. Wir standen betreten im Eingang, bereit, uns rückwärts wieder rauszubewegen, aber dann setzte die Musik wieder ein und die Gespräche gingen weiter.

Es war eine seltsame Bar. Die Theke war lang und ungewöhnlich reich mit Schnitzereien verziert, was wir bisher noch in keinem Pub gesehen hatten. Die Menschen waren allesamt seltsam gekleidet, die einen mit demselben regenborgenfarben glänzenden Material wie das Paar, dem wir gefolgt waren und das jetzt in einer Ecke sass. An einem Tisch sassen ausschliesslich kleinwüchsige, rothaarige Männer, die uns seltsame Blicke zuwarfen. An der Bar sassen zwei Typen, von denen ich für einen Moment das Gefühl hatte, sie hätten Wildschweinköpfe, bis ich sah, ihre Haare, Bärte und Augenbrauen einfach besonders borstig waren. Ausserdem fand ich, dass sie einen etwas seltsamen Blick hatten. Aber das konnte genauso gut an dem seltsamen Licht liegen. Genau wie die Hörner der Barkeeperin. «Scheint ein ziemlicher Hipster-Pub zu sein», flüsterte jemand hinter mir.

Wir reihten uns an der Theke auf, um je ein Pint Guinness zu bestellen. Die Barkeeperin blickte uns leicht amüsiert an, als ob wir gerade einen ziemlichen Anfängerfehler begangen hätten. Wir aber, ganz Touris, liessen uns nicht beirren, warteten geduldig, bis die Guinness gezapft waren, bezahlten und setzten uns an einen der wenigen noch freien Tische.

«Ganz schön seltsame Gestalten, die hier rumsitzen», murmelte jemand und erntete zustimmendes Nicken, während wir alle an unseren Gläsern nippten. Auf der Bühne sassen zwei schlanke, hochgewachsene Musiker und spielten Geige und Flöte. Die Musik war fröhlich und zugegebenermassen recht mitreissend, ein paar der Gäste tanzten vor der Bühne, wobei es allerdings fast etwas mehr ein wildes Umherhüpfen als ein tatsächliches Tanzen wirkte. Wir versuchten unsere Konversation von vorhin wieder aufzunehmen, wurden aber immer wieder abgelenkt von neuen, seltsamen Gestalten, die reinkamen oder rausgingen. Was es war, das sie so seltsam machte, war oft schwer zu sagen. Einige hatten einfach eine ungewöhnliche Gangart, anderen schienen Haare an Stellen zu wachsen, wo sie eigentlich keine Haare haben sollten und erstaunlich viele trugen Hüte, die dunkle Schatten auf ihre Gesichter warfen. Wir entdeckten noch mehr seltsame Kleidungsstile und bemühten uns sehr, uns unser Befremden über die Aufmachung mancher Leute nicht anmerken zu lassen.

Das Guinness hatte ausserdem einen gewöhnungsbedürftigen Beigeschmack. Jemand meinte, dass vielleicht Blackcurrant reingemischt worden war – es gebe Leute, die sowas gerne mochten. Jemand anderes widersprach, die Barkeeperin hätte gar nichts reingemischt, wir bildeten uns das nur ein und wir sollten gefälligst nicht so heikel tun. Allerdings schien es zusätzlich einen höheren Alkoholgehalt zu haben, denn schon nachdem wir die Hälfte geleert hatten, fingen wir definitiv an, uns Dinge einzubilden. In einer Ecke sah es plötzlich so aus, als ob dort irgendwelche leuchtenden Minimenschen schweben würden und der eine Typ, der beim Vorbeigehen kurz an unserem Tisch stehenblieb, liess Vampirzähne aufblitzen. Irgendjemand behauptete später steif und fest, einer der kleinwüchsigen Rothaarigen hätte sein Bier mit purem Gold bezahlt und der Typ, dem wir in die Bar gefolgt waren, hätte Katzenaugen gehabt. Spätestens jedoch, als jemand sich einbildete, die Tänzerin, die anfing, vor der Bühne unter Klatschen und Johlen des Publikums irischen Stepptanz zu vollführen, hätte Ziegenfüsse, war uns klar, dass wir gehen mussten. Das Pub war uns definitiv unheimlich.

Als wir durch die Tür wieder auf die Gasse stolperten, fiel uns auf, dass wir absolut keinen Schimmer hatten, wo wir waren. Die Gasse immer noch recht dunkel, es standen grosse Mülleimer herum, der Lärm der Hauptstrasse war so weit weg, dass kaum noch zu hören war, aus welcher Richtung er kam. Wir blickten uns um, machten ein paar zögerliche Schritte in die eine Richtung, bevor wir uns zu erinnern meinten, dass wir aus der anderen Richtung gekommen waren und dorthin losstiefelten. Die Eingangstür zum Pub schien sich inzwischen in Luft aufgelöst zu haben. Als wir wieder an der Stelle vorbeikamen, wo sie eigentlich sein sollte, war da nur ein grosses Wandgemälde, das seltsam deplatziert schien. Vielleicht hatten wir auch gar nicht denselben Weg zurückgenommen.

Wir brauchten bestimmt eine halbe Stunde, in der wir durch kleine, dunkle Gassen stolperten, an den Hinterausgängen irgendwelcher Pubs vorbei, um wieder auf eine halbwegs belebte Strasse und dann zurück zur Hauptstrasse zu finden. Wir spülten das seltsame Gefühl in den nächsten drei Pubs mit Whisky und Bier hinunter – auf Guinness war uns die Lust definitiv vergangen. Als wir aber nicht aufhörten, Menschen mit spitzen Ohren und kleine, rothaarige Männer zu sehen, beschlossen wir, dass es definitiv Zeit war, nach Hause zu gehen.

Am nächsten Morgen hatten wir alle einen Kater. Beim Frühstück, das wir in einem kleinen Café um die Ecke von unserem Hostel assen, wurde kaum geredet, die Pläne für den Tag wurden mit ein paar wenigen Worten festgelegt und bestanden eigentlich mehrheitlich daraus, kreuz und quer durch die Stadt zu latschen und wann immer wir es für nötig befanden, wieder ein Café zu suchen und Pause zu machen. Das, was wir in dem einen Pub gesehen hatten, sprach keiner an und im Grunde glaubten wir alle wohl auch bereits, dass wir einfach nur betrunken gewesen waren und uns das alles eingebildet hatten.

Als ich eine halbe Stunde nach dem Frühstück zum ersten Mal eine Frau an mir vorbeigehen sah, deren ungewöhnlich spitze Ohren zwischen ihren bläulich-blond scheinenden Haaren hervorschauten schüttelte ich nur unwillig den Kopf und ging weiter. Auch die drei kleinwüchsigen Rothaarigen, die mitten auf der Strasse standen und sich miteinander unterhielten, während alle Menschen automatisch um sie herumgingen, ignorierte ich noch mehr oder weniger. Aber als ich den dritten Typen mit der gleichen Art von langem Mantel mit regenbogenfarben glänzenden Schulteraufsätzen sah wie gestern, konnte ich nicht mehr anders, als den anderen einen fragenden Blick zuzuwerfen. Wir setzten uns ins nächste Café und bestellten uns doppelte Espressi, in der Hoffnung, die seltsamen Bilder wieder abzuschütteln. Aber meinte ich das nur oder hatte das Mädchen dort in der Ecke Katzenaugen?

Please reload

Das könnte dir auch gefallen:

Holundertinte

July 21, 2019

Kaffee-Tinte

April 28, 2019

1/2
Please reload

Hi! Ich bin Melina. Die Texte und Bilder auf dieser Seite stammen alle von mir. Schreiben und Malen sind meine Leidenschaften, die ich gerne mit der Welt teile. Willst du mehr über mich wissen? Klick hier.

 

Über mich
Tags durchsuchen

© 2018 Melina Rüegg. Proudly created with Wix.com | Impressum und Datenschutzerklärung

Please reload