Abstand

07.09.2017

 

"Ich will den Boden unter meinen Füssen spüren und den Wind im Gesicht. Ich will frei sein, raus aus dieser Stadt, raus in die Welt, weg von dem was ich kannte, was ich noch nie mein Zuhause nennen konnte. Ich will Neues sehen, will auf mich selbst zurückgeworfen sein. Allein mit mir, meinen Gedanken, mit der Natur. Allein mit der Welt, die mich umgibt. Ich will Zeit haben, meine Gedanken zu ordnen, mir klar zu werden über mein Leben. Ich will Abstand gewinnen, um mir bewusst zu werden über die Welt, die mich umgibt. Ich will einen Schritt zurücktreten, um zu betrachten, was ist und um herauszufinden, was sein könnte."

Es war nur eine kleine Notiz, schnell geschrieben und dann wieder vergessen. Ein paar Gedanken, die mich überkommen hatten und die ich festgehalten hatte. Als ich neun Monate später wieder über diese Notiz stolperte, zufällig, ohne sie gesucht zu haben, beschlich mich ein seltsames Gefühl.

Es war ein Wunsch gewesen, den ich ins Universum hinaus geworfen hatte, mehr geflüstert als tatsächlich ausgesprochen. Wohl kaum hatte ich in diesem Moment überlegt, dass er tatsächlich in Erfüllung gehen könnte. Und nun stand ich auf einem Berg in Norwegen, alleine, blickte über die Inseln und Fjorde vor mir, während die Morgensonne meinen Rücken wärmte und der kalte Wind mir ins Gesicht blies. Ich hatte Neues gesehen und würde noch mehr davon sehen. Ich war weggegangen von dem, was ich kannte, von dem, was ich nicht Zuhause nennen wollte. Nur war dieses Weggehen auch ein wenig ein weggeschickt werden gewesen. Ganz freiwillig hatte ich mich nicht alleine auf den Weg gemacht. Und doch waren die letzten zwei Wochen mit die besten meines Lebens gewesen.

Gedanken an die Welt, die ich für ein paar Wochen verlassen hatte, brachen in Wellen über mich herein. Erinnerungen an die Dinge, die in den Monaten vor meiner unerwarteten Reise geschehen waren, an all das, was sich verändert hatte. Und ich dachte an die Zukunft, dachte an das, was mich bei meiner Rückkehr erwarten würde. Noch waren es vor allem Umrisse, Schemen, unklare Gebilde und vage Ideen. Das Ganze würde sich wohl erst konkretisieren, wenn ich zurück war.

Ich hatte mich schon tagelang gefühlt, als ob ich mich häuten würde, ganze Stücke meiner alten Haut einfach abstreifte und hinter mir liess. Meine neue Haut fühlte sich noch etwas ungewohnt an und ich war mir noch nicht ganz sicher, wie sie aussah. Es war ein Gefühl, das sich bei mir in den letzten Monaten immer mal wieder eingeschlichen hatte. Aber seit ich losgezogen war, hatte es sich noch weiter verstärkt.

Vor mir breitete sich die Landschaft aus, in goldenes Morgenlicht gehüllt, schien mir entgegenzurufen, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauchte, dass meine Zukunft vor mir ausgebreitet war und ich mich nur noch auf den Weg machen musste. Alles, was ich tun musste, war zurückzukehren. Zurückzukehren in meine Welt, den Rucksack voll mit all den Dingen, die ich gelernt und gesehen hatte. Alles, was es brauchte, war der erste Schritt.

Mit einem Seufzen löste ich mich von dem Anblick, von den Erinnerungen und den Ängsten. Ich drehte mich um, blickte in die Sonne, die mir mit aller Kraft ins Gesicht schien, und ging los.

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