Abends im Zirkus

26.07.2017

Während drinnen noch der Applaus verhallte und die Techniker sich plaudernd und lachend bereitmachten, um die Manege wieder in ihren ursprünglichen Zustand zu bringen und den Zuschauerraum aufzuräumen, packte der Clown seine paar Requisiten in seinen abgenutzten Lederkoffer und schlurfte leise aus dem Zelt. Der Zirkusdirektor klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und lud ihn ein, noch mit den anderen Artisten auf eine erfolgreiche Vorstellung anzustossen, aber er winkte stumm ab. Seine Schultern hingen etwas nach vorne und sein Rücken war krumm, nichts mehr war vorhanden von der stolzen Haltung, die er in der Manege zeigte. Ohne wirklich hinzublicken, wich er den Pferden aus, die von den Tierpflegern in ihre Boxen gebracht wurden, wo die Kamele und Ziegen schon warteten. Das Huhn, das er für eine seiner Nummern gebraucht hatte, gackerte ihn aus seinem kleinen Häuschen heraus an und er wünschte ihm leise eine gute Nacht.

 

Eine der Akrobatinnen huschte an ihm vorbei, gerade, als die Wohnwagen erreichte. Sie eilte zu ihrem Wagen, wo das Licht im Fenster zeigte, dass ihre Tochter wohl einmal mehr bis nach der Vorstellung wach geblieben war, damit sie noch einen Gutenachtkuss bekam. Der Clown lächelte vor sich hin. Er mochte sowohl die Kleine als auch ihre Mutter. Letztere tat alles, um neben den Proben und Vorstellungen noch Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen, die wiederum in der zirkusinternen Schule alles gab, um ihre Mutter stolz zu machen. Sie war klug, die Kleine. Sprach schon drei Sprachen und war gerade dabei, vom spanischen Jongleur die vierte zu lernen. Und sie konnte schon Kunststücke vollführen, da träumte er mit seinen immer steifer werdenden Gelenken nur noch davon. Ein höfliches Kind war sie ausserdem, immer ein Lächeln auf dem Gesicht und mit der Fähigkeit gesegnet, dieses Lächeln jederzeit an andere weiterzugeben.

 

Die Menschen strömten aus dem Zelt auf die Strasse. Ihr Reden und Lachen war noch bis in die Wohnwagenstadt hinein zu hören. Die Vorstellung hatte offensichtlich gefallen. Noch waren fast alle Artisten um den Artisteneingang versammelt oder sassen bei den Wagen der Maske und der Kostümbildner, wo sie sich üblicherweise erst einmal vom Adrenalinrausch erholen mussten. Der Clown schlurfte zu seinem Wohnwagen, kletterte langsam die zwei Tritte hinauf und trat in sein kleines Reich. Seinen Koffer deponierte er auf der Sitzbank, der einzigen Fläche, die dafür gross genug war. Dort würde er bis zum nächsten Morgen bleiben, wenn er ihn auspacken und neu ordnen würde. Dann füllte er Wasser in den Teekrug und stellte den Gasherd ein. Seine Bewegungen waren langsam, schienen müde. Aus der Nähe konnte man selbst durch die dicke, weisse Schminke die tiefen Falten auf seinem Gesicht sehen.

 

Er holte einen Lappen aus dem Schrank, goss Babyöl darauf und begann sich abzuschminken. Zunächst systematisch, von den Augen her zu den äusseren Rändern, dann nur noch wild über das ganze Gesicht. Mehrmals musste er den Lappen auswaschen und frisches Öl darauf geben. Er unterbrach die Prozedur, um das kochende Wasser in eine Tasse zu giessen. Als er sich selbst im Spiegel betrachtete, fluchte er leise. Mit zwei Fingern spannte er die Haut um seinen Mund und rieb mit dem Lappen nochmals darüber. Es wurde von Jahr zu Jahr schwieriger, die Schminke aus den Falten herauszukriegen. Schliesslich gab er seufzend auf, schälte sich aus den Kleidern, die er sorgfältig auf einen Kleiderbügel hängte und ging unter die Dusche. Es war den ganzen Tag sonnig gewesen, sodass das Wasser sich im Tank zumindest lauwarm war. Besser als der Gletscherbach, der normalerweise aus dem Duschkopf sprudelte.

 

Während er sich von Kopf bis Fuss einseifte, um den Haarspray, die Schminke, den Schweiss und das Sägemehl von seinem Körper wegzubringen, fiel ihm der kleine Junge aus der zweiten Reihe wieder ein, der sich während der zweiten Nummer völlig verschreckt in den Armen seiner Mutter verkrochen hatte. So etwas passierte immer wieder – Kinder, die Angst von seinem schwer geschminkten Gesicht, der unförmigen Jacke und den übergrossen Schuhen hatten. Wer konnte es ihnen verübeln? Er war eine seltsame Erscheinung, das war Teil seines Auftritts. Aber es brach ihm immer wieder von Neuem das Herz. Der Kinder wegen hatte er diesen Beruf ergriffen und der Kinder wegen liebte er ihn bis zu diesem Tag. Und jedes Mal, wenn sich einer der kleinen Menschen ängstlich vor ihm versteckte, zog sich sein Brustkorb zusammen und er stellte sich selbst in Frage.

 

Kaum hatte er fertig geduscht und sich seinen Pyjama übergezogen, der ihm viel zu gross war, seit er abgenommen hatte, ging das Gezanke vor seinem Fenster wieder los. Natürlich, der Abend wäre nicht vollständig, würden die Trapezkünstler nicht irgendeinen Grund finden, um sich in die Haare zu geraten. Warum die beiden überhaupt noch zusammen waren – innerhalb und ausserhalb der Manege –, konnte er sich nicht erklären. In der Manege verhielten sie sich wie ein verliebtes Paar, machten einen auf Harmonie, vertrauten einander ihr Leben an und untermalten ihre Auftritte mit kitschiger Musik. Aber kaum hatte sich der Vorhang des Künstlereingangs hinter ihnen geschlossen, waren sie wie Hund und Katze. Sie konnten ausserhalb der Manege kaum ein Wort wechseln, ohne sich in die Haare zu geraten und es gab keinen Auftritt, an dem sie nicht beide hundert Dinge auszusetzen hatten.

 

Der Clown lauschte, während er den Teebeutel aus der Tasse nahm und das Licht löschte, weil er abends seinen Tee lieber im Dunkeln trank. Sein Russisch war etwas eingerostet, aber er glaubte zu verstehen, dass sie unzufrieden war, weil er irgendeinen Salto nicht sauber zur Musik gebracht hatte. So sicher war er sich allerdings nicht. Dann meldete sich plötzlich der durchdringende Sopran der Pferdedompteurin. Ihr Russisch war alles andere als eingerostet und sie verlange wortreich von den beiden, doch endlich die Klappe zu halten und die anderen Artisten schlafen zu lassen. Was noch weiter an Nettigkeiten ausgetauscht wurde, während immer mehr Artisten vom Hauptzelt zurückkehrten und die Szene in ihren verschiedenen Sprachen kommentierten, verstand er nicht.

Er schlürfte seinen Tee am Tisch sitzend und ging in Gedanken nochmals seinen eigenen Auftritt durch. Ein oder zwei kleine Schnitzer waren vorgekommen und es gab eine Nummer, die definitiv nicht mehr funktionierte. Das würde er in der nächsten Probe angehen. Das ängstliche Gesicht des kleinen Jungen aus der zweiten Reihe tauchte allerdings immer wieder vor seinen Augen auf. Er seufzte schwer. An manche Dinge hatte er sich in all den Jahren nicht gewöhnen können. Draussen hörte er die Stimmen der chinesischen Akrobaten, die sich leiser als das russische Paar zuvor in ihre Wohnwagen zurückzogen. Dafür schien der Strom der glattrasierten Köpfe, die im schwachen Licht der Scheinwerfer vom Zelt an seinem Fenster vorbeischwebten, endlos. Während er den Köpfen beim Schweben zusah, fertigte er im Kopf eine Liste der Dinge an, die gut gegangen waren und der Dinge, die schiefgelaufen waren und machte sich selbst ein kleines virtuelles Sternchen darunter für eine gute Vorstellung.

 

Mit einem letzten Seufzer stand der Clown, der nun kein Clown mehr war, wieder auf und stellte die leere Tasse in die Spüle. In der Ferne hörte man immer noch Glasflaschen klirren und Männerlachen von den letzten Übriggebliebenen. Er tappte barfuss an der Küche vorbei und stützte sich dabei an der Wand. Die grossen Scheinwerfer beim Hauptzelt wurden einer nach dem anderen ausgemacht, sodass es um seinen Wagen herum langsam aber sicher dunkel wurde. Ein Paar Taschenlampen tanzte vorbei, während er sein Kissen aufschüttelte und die Bettdecke zurückschlug. Die Matratze ächzte, als er versuchte, eine bequeme Position zum Schlafen zu finden. Irgendwo erklangen gedämpfte Flüche und dann Hundegebell. Vermutlich hatten wieder ein paar Betrunkene versucht, zu den Tieren hineinzuklettern und waren von den Sicherheitsleuten und ihrem Hund – eines der besttrainierten Tiere im ganzen Zirkus – vertrieben worden.

 

Langsam kehrte Ruhe ein in der Wohnwagenstadt. Der letzte Scheinwerfer wurde gelöscht und allmählich wurden die Geräusche der Zirkusstadt von denjenigen der grossen Stadt überdeckt. Zum Klang des einsetzenden Regens auf seinem Wohnwagendach schlummerte der Clown langsam ein. In seinem Kopf wurde das Gesicht des ängstlichen Jungen langsam von den Gesichtern der Kinder überdeckt, die sich vor Lachen kugelten.

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