Liebes Schwesterherz

20.06.2016

Ich weiss, das Leben mit mir war nicht immer einfach. Wir haben uns früher oft gestritten, waren uns uneinig in allem ausser in der Frage, wie unterschiedlich wir sind. In diesem Punkt antworteten wir jedes Mal fast unisono: „So unterschiedlich wie Tag und Nacht.“ Lange gab es fast nichts, was wir teilten. Natürlich, den Sport und darüber auch ein paar wenige gemeinsame Freunde. Und bei Wettkämpfen traten wir oft als geschlossene Kraft auf, wir unterstützten uns wo es nur ging und waren stolz aufeinander. Aber vor allem ich war eine Spezialistin darin, dich nicht an mich heranzulassen und deine überschwängliche Freude über meine Erfolge zu dämpfen. Und dennoch hast du nicht aufgehört, dich für mich zu freuen.

Nachdem wir dann beide unsere Schule abgeschlossen hatten und du für eine Weile nicht so richtig wusstest, was du wolltest, hat sich unsere Beziehung immer mehr abgekühlt. Wir sind uns ständig in die Haare geraten, haben uns gegenseitig Vorwürfe gemacht, haben uns immer weniger verstanden. Ich habe allen erzählt, wie nervtötend du bist und habe nicht einmal im Traum daran gedacht, dass dich diese Menschen irgendwann persönlich kennenlernen und dir dann mit Vorurteilen begegnen könnten. Als mir das bewusst wurde, hatte ich plötzlich ein unglaublich schlechtes Gewissen. Und ich erinnerte mich daran, dass ich dich ja eigentlich mag. Denn trotz allem bist du meine Schwester. Meine kleine Schwester, der Mensch, der mich trotz allem fast am besten kennt (Mama ausgenommen) und ich wüsste ganz ehrlich nicht, was ich ohne ich tun würde.

Denn auch wenn ich deinen Lebensstil manchmal nicht verstehe, so wie du auch meinen nicht verstehst, auch wenn wir in so vielen Punkten unterschiedlicher Meinung sind und auch wenn wir uns wohl nie so ähnlich sein werden, wie Geschwister sich sein könnten, bist und bleibst du doch meine Schwester. Mir wurde klar, dass ich nicht den schlechten Beispielen folgen will, die wir um uns herum haben. Es gibt genügend Menschen, die mit ihren Familien nicht klarkommen. Ich möchte nicht dazu gehören. Letztendlich ist die Familie doch alles was wir haben, oder?

Lange ist es uns schwer gefallen, miteinander klarzukommen. Dann bin ich ausgezogen und plötzlich ist alles anders geworden. Plötzlich konnten wir uns aussuchen, wann und wie uns treffen wollten. Wir gingen zusammen ins Yoga, fanden Gesprächsthemen und fingen an, uns einander zu öffnen. Du hast mich immer mal wieder besucht, du hast meine Mitbewohner kennengelernt und meine Nachbarn und alle mochten sie dich vom ersten Moment an, genau wie du sie mochtest. Je länger, je besser verstanden wir uns. Ich lernte dich immer besser verstehen und dein Leben zu akzeptieren. Und du lerntest meines zu akzeptieren. Ehe wir uns versahen waren wir auch schon wieder Freundinnen. Und ich fing an, dich ganz stolz als meine Schwester vorzustellen und allen zu erzählen, wer du bist und was du machst und dass du ein richtig cooler Mensch bist.

Inzwischen finde ich, dass wir uns erstaunlich gut verstehen. Wir finden immer mehr Gemeinsamkeiten und ich finde es schön, dass ich mich mit dir über absolut alles unterhalten kann, dass du – auch wenn es dir irgendwann vielleicht zu blöd wird – mir immer zuhörst, wenn ich schon zum hundertsten Mal über meine Männergeschichten reden möchte und dass du mir auch immer mal wieder etwas erzählst. Ich finde es schön, dass du mir vertraust. Und ich hoffe, dass es so bleibt, denn wie bereits gesagt: Am Ende bleibt uns doch nur die Familie. Ich bin dankbar und stolz, dich einen Teil meiner Familie nennen zu dürfen. Danke, dass es dich gibt.

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