Lagerfeuerstimmung

12.06.2017

Es war unser letzter Abend im Camp und obwohl wir alle ziemlich traurig waren, voneinander Abschied nehmen zu müssen, war die Stimmung vor allem ausgelassen. Die Nacht war klar, sogar einigermassen warm und der Vollmond ging gerade über den Bäumen auf, als wir uns nach dem Abendessen raussetzten. Wir hatten schon nachmittags einen ordentlichen Haufen Feuerholz aufgeschichtet, sodass wir nur noch anfeuern mussten. Tom und Sara brachten ihre Gitarren mit raus, wir stellten einen Topf Tee ans Feuer und natürlich tauchte auch noch ein Flachmann auf, der die Runde machte.

 

Sören fing an, uns ein paar alte nordische Göttersagen zu erzählen, aber ziemlich bald wurde nur noch gesungen. Das Repertoire war ziemlich international, jeder sang einfach mit, wenn er oder sie sich gerade sicher fühlte und Lust hatte, mitzusingen. Es war ein beständiger Wechsel zwischen Chorgesang und ein paar Einzelnen, die ein Lied anstimmten. Hin und wieder sang jemand auch ein Lied ganz alleine, während wir anderen uns vom Gesang tragen liessen, einfach nur genossen, was wir hörten. Dass wir nicht dazwischen nicht redeten, brauchte keiner weiteren Absprachen. Wir sassen einfach nur da und überliessen uns dem Fluss.

 

Irgendwann blickte ich mich um und nahm all die Gesichter nochmals auf, prägte mir den Ausdruck jedes einzelnen ein, den Klang jeder Stimme. Ich wusste, dass ich diese Menschen vermissen würde, ich wusste, dass diese Zeit hier unwiederbringlich war. Aber ich wusste auch, dass ich jederzeit in dieses Gefühl würde zurückkehren können. Dass ich diese Erinnerungen einschliessen und behalten und jederzeit dazu zurückkehren konnte.

 

So vieles hatten wir die letzten paar Wochen zusammen gelernt, so viele Dinge hatten wir gemeinsam erlebt. Wir hatten Gespräche über alles Mögliche geführt, über unser Leben und das von anderen, über unsere Zukunftspläne und die Vergangenheit, die wir hinter uns lassen wollten, über die Schönheit des Lebens und die Leichtigkeit des Seins. Wir hatten unzählige Stunden unter dem Sternenzelt verbracht, Sonnenaufgänge und Sonnenuntergänge beobachtet, hatten uns gegenseitig darüber aufgeklärt, welche Pflanzen- und Vogelarten es gab und vor allem hatten wir das Leben genossen.

 

Und während ich meinen Blick so über meine neugewonnenen Freunde schweifen liess, zogen die Erinnerungen noch einmal an mir vorbei und eine gewisse Traurigkeit überkam mich – das Wissen, dass das hier morgen schon vorüber sein würde. Ich wollte es nicht, ich wollte nicht in meine alte Realität zurückkehren, wollte nicht mein altes Leben weiterführen. «Aber du hast dich verändert. Also wird auch deine Realität sich verändern. Unwiederbringlich. Du wirst schon sehen.» Die Stimme in meinem Kopf war so klar, als ob jemand neben mir gesessen hätte. Ich konnte mir das Lächeln nicht verkneifen.

 

Als das Feuer langsam zu Asche zerfiel, zogen wir uns in die Hütten zurück, immer noch, ohne ein Wort zu sagen. Ich kuschelte mich in mein Bett und sog noch einmal den Geruch und das Gefühl dieses Ortes ein. Ja, ich hatte mich verändert. Und meine Realität würde dasselbe tun.

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