Hochzeitsvorbereitungen

15.06.2017

Die Prinzessin gähnte verhalten und wurde prompt von ihrer Mutter zurechtgewiesen. Das vierte Mal schon innerhalb einer halben Stunde. «Aber Mama, ich kenne diese Regeln in- und auswendig! Der Drache hatte seltsamerweise eine Vorliebe für Benimmbücher und ich musste sie ihm immer vorlesen. Ich weiss, wie ich mich bei einem Bankett zu verhalten habe und ich kann dir jeden einzelnen Schritt bei der Krönung vorführen. Das ändert aber nichts daran, dass ich dieses ganze Zeremoniell für sinnlos und anmassend halte.»

«Kind, lass das niemanden hören», zischte die Mutter.

«Ich bin kein Kind mehr, Mama. Und ich will lieber noch einmal von einem Drachen entführt werden, als mich in dieses Hofzeremoniell zu zwingen.»

Diese Aussage wurde mit einem ordentlichen Klaps auf den Oberschenkel bestraft, der aber wegen der mehrfachen Stoffschichten des luxuriösen Prinzessinnenkleides praktisch wirkungslos blieb.

«Sag mir wenigstens, dass der Prinz auch Benimmunterricht bekommt. Dass er auch diese ganzen Regeln lernen muss und auch jedes Mal einen Schlag bekommt, wenn er sich beklagt, dass er zu wenig Freiraum bekommt.»

Die Mutter verdrehte nur die Augen.

***

In einem anderen Teil des Schlosses tigerte der Prinz wütend auf und ab, während sein Vater, der König, den Kopf auf seine Hand abstützte und sich leicht verzweifelt den ergrauenden Bart kraulte.

«Erklär mir, warum es ein Problem sein sollte, dass du nicht mehr ständig auf Jagd reiten und Monster töten darfst», fragte der König.

«Warum das ein Problem sein sollte, Vater? Das ist mein Leben! Ich kann und will nicht auf die Jagd verzichten!»

Der König seufzte und lehnte sich in seinem Sessel zurück. «Zum zwanzigsten Mal: Du musst nicht vollständig auf die Jagd verzichten. Nur bringt es die Ehe nun einmal mit sich, dass man nicht mehr die ganze Zeit irgendwo herumstreunen kann. Was soll deine Frau von dir denken? Sie wird bestimmt meinen, du besuchst andere Frauen!»

Der Prinz blieb abrupt stehen und blickte seinen Vater mit unergründlichem Blick an.

«Und ich warne dich, wenn du das bis jetzt getan hast», der König streckte einen Zeigefinger aus, «dann musst du das jetzt und hier beenden.»

«Das käme mir niemals in den Sinn, Vater! Aber wer soll denn die Drachen töten, wer die Raubritter in ihre Schranken weisen? Ich kann doch nicht einfach damit aufhören.»

«Es werden andere Ritter diese Aufgabe übernehmen. Du kannst nicht jede Dame retten, die in Gefahr ist. Du wirst heiraten! Und bald wirst du König sein! Man braucht dich hier im Schloss.»

Mit einem wütenden Stöhnen liess der Prinz sich auf einen Sessel plumpsen. «Ich werde nie rechtzeitig alles lernen. Sie ist mir meilenweit voraus. Weisst du, wie viele Bücher dieser Drache in seiner Höhle gehortet hat? Und sie hat alle gelesen! Wie soll ich damit mithalten?»

***

Derweil war auch die Prinzessin am Rande der Verzweiflung angelangt. «Ich werde diese Tanzschritte nie wieder lernen!», rief sie aus, nachdem sie ihrer Mutter zum wiederholten Mal auf die Füsse gestanden war.

«Aber Kind, du warst immer eine so gute Tänzerin!»

Die Prinzessin schnaubte empört. «Ja natürlich, aber denkst du, ich hatte die letzten Jahre viel Zeit zum Üben? Der Drache war nicht gerade ein toller Tanzpartner.»

«Aber so etwas verlernt man doch nicht einfach.»

Die Prinzessin verwarf die Arme und liess sich mit einem dramatischen Seufzer auf die Chaise Longue fallen. «Offensichtlich schon! Ich wünschte, ich wäre nie aus dieser Höhle rausgekommen. Und ich wünschte, der Prinz wäre nicht so charmant und hätte mich überzeugt, dieser Ehe zuzustimmen.»

***

Die Dienerschaft, die sich vor beiden Türen versammelt hatte, tauschte sich an diesem Abend über die Verzweiflung der beiden Thronfolger aus.

«Ach, der König und die Königin waren damals auch nicht besser», kicherte die alte Magd, die eigentlich nur noch auf dem Schloss war, weil sie so viele Jahre treue Dienste geleistet hatte und nirgends sonst mehr hin konnte. «Der König hat sich damals auch schwer getan, die Jagd und das Umherstreunen auf der Suche nach Feinden, die er bekämpfen kann, aufzugeben. Gebt ihnen noch etwas Zeit, sie werden es noch lernen. Und in der Zwischenzeit haben wir etwas zu lachen.» Und ihr Gesicht schien nur noch aus Runzeln zu bestehen, als sie ihren Mund zu einem zahnlosen Grinsen verzog.

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