Letzter Tag

22.05.2017

Es war der letzte Tag, das letzte Mal.

Sie trat durch das Tor des Hauptgebäudes, mit einem kleinen, melancholischen Lächeln auf den Lippen. Es war schon eine Weile her, seit sie das erste Mal hier hindurchgegangen war. Damals war alles noch neu und unbekannt gewesen, eine Ansammlung von Mauern und Treppen und Türen, die Dinge verbargen, die sie sich nicht vorstellen konnte, die an Orte führten, die voll von Rätseln und Geheimnissen waren.

Damals hatte sie nur viel Unbekanntes gesehen, hatte nur eine Ansammlung toter Dinge gesehen.

Heute sah sie Erinnerungen. Beinahe an jeder Ecke, an jeder Treppe und Tür dieses Gebäudes entdeckte sie Geister der Vergangenheit. Acht Jahre lang hatte sie fünf Tage pro Woche hier verbracht, hatte Freundschaften geknüpft, sich verliebt, sich gestritten, gelernt, war gewachsen, hatte sich weiterentwickelt. Und nun war sie flügge geworden, nun war es Zeit, das liebgewonnene Nest einmal mehr zu verlassen. Bald sollte es vorbei sein.

Heute ging sie langsamer als sonst durch die Gänge, bemühte sich, jede Ecke noch einmal wahrzunehmen, jeden Schritt bewusst zu machen. Sie rief sich tausende Augenblicke und Momente noch einmal in Erinnerung. Den Stress vor Prüfungen und die Erleichterung danach, die Freude über Erfolge und das stechende Gefühl, wenn etwas nicht so geklappt hatte, wie sie es sich gewünscht hatte. Das erlösende Gefühl, wenn sie eine Aufgabe endlich begriffen hatte. Die einschläfernde Leere einer langweiligen Vorlesung. Die Unruhe und das nervöse Auf-und-ab-Hüpfen, wenn etwas anderes als das Seminar gerade eigentlich relevant war. Das Gelächter und die schönen Momente mit Freunden. Die Enttäuschungen.

Es war ein befreiendes Gefühl, zu wissen, dass ihre Zeit in diesen Hallen endlich vorüber war, dass sie ihre letzte Prüfung abgelegt, ihre letzte Arbeit eingereicht hatte. Noch ein letztes Mal war sie als Studentin hier, dann würde sie nur noch Besucherin sein. Es war Zeit, ihre Flügel auszustrecken und zu fliegen. Aber gleichzeitig beschlich sie auch ein Gefühl der Trauer, der Unsicherheit, der Angst.

So viele gute Erinnerungen hingen an diesem Ort, an diesen Sälen und Gängen. Und nun sollte es einfach vorüber sein. Von einem Tag auf den anderen hatte sie ihre Zeit abgesessen und wurde nun in die Welt entlassen. Es war Zeit, ihren Weg da draussen zu finden.

Sie trat wieder nach draussen. Ihre letzte Runde war gemacht, ihre letzten Aufgaben erledigt. Die Welt wartete auf sie. Es war Zeit, aufzubrechen. Zu neuen Unbekannten, zu neuen Orten, die es mit Erinnerungen zu füllen galt.

Please reload

Das könnte dir auch gefallen:

Holundertinte

July 21, 2019

Kaffee-Tinte

April 28, 2019

1/2
Please reload

Hi! Ich bin Melina. Die Texte und Bilder auf dieser Seite stammen alle von mir. Schreiben und Malen sind meine Leidenschaften, die ich gerne mit der Welt teile. Willst du mehr über mich wissen? Klick hier.

 

Über mich
Tags durchsuchen

© 2018 Melina Rüegg. Proudly created with Wix.com | Impressum und Datenschutzerklärung

Please reload