Everything Can Change

13.08.2015

Sie sass an ihrem Schreibtisch, tief über die Französisch-Hausaufgaben gebeugt. Kastanienbraune Locken fielen ihr ins Gesicht. Ihre Hand flitzte über das Papier, Buchstabe um Buchstabe bildeten sich Worte, während ihre Augen immer wieder prüfend zum Buch wanderten.
Sie bemerkte ihren Bruder lange, bevor er neben sie trat, schenkte ihm aber erst Beachtung, als sie den Abschnitt beendet hatte.
"Was ist, Nick?", fragte sie, den Füllfederhalter neben sich auf den Tisch legend.
Der Junge vor ihr hatte mit seinen kleinen Händchen einen Bilderrahmen fest an die Brust gepresst. Auf ihre Frage legte er den Rahmen auf den Tisch.
Das Foto zeigte drei Personen, die das Bild mit ihren lachenden Gesichtern komplett ausfüllten. Der Junge, der jetzt mit grossen Augen seine Schwester ansah, hatte sich links von ihr ins Bild gequetscht. Die junge Frau hatte ihm einen Arm um die Brust gelegt, beim Lachen zeigte sie eine Reihe perfekter weisser Zähne, die Haare wurden von einer hochgeschobenen Sonnenbrille zurückgehalten. Ihren anderen Arm hatte sie um die Schultern eines jungen Mannes gelegt, mit sonnengebleichten Haaren, blitzenden grünen Augen und einem breiten Grinsen auf dem Gesicht.
"Finn", flüsterte sie und augenblicklich verfinsterte sich ihr Blick. "Wie lange ist es her, dass Du Dich zum letzten Mal gemeldet hast?"
Nick kletterte auf ihren Schoss. "Wann macht Finn endlich wieder mal etwas mit uns?", wollte er wissen. Dabei blickte er seine Schwester mit grossen, traurigen Augen an.
Sie schüttelte den Kopf. "Du weisst doch, dass Finn nicht mehr mit mir redet. Ich habe Dir schon tausendmal gesagt, dass ich ihn seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen habe", versuchte sie ihm mit sanfter Stimme klar zu machen.
Nick schob unwillig die Unterlippe vor und verschränkte die Arme vor der Brust. "Aber Finn ist dein bester Freund! Kassandra!", flehte er. "Du kannst ihn doch einfach anrufen und ihm sagen, dass Du ihn lieb hast. Dann macht er bestimmt wieder einmal etwas mit uns. Er ist Dir bestimmt nicht böse."
Sie seufzte und setzte ihn ab, um ihm in die Augen sehen zu können. "Nick, hör mir gut zu. Ich habe Dir das schon hundert- und tausendmal gesagt und ich werde es nur noch ein einziges Mal wiederholen: Ich kann ihn nicht einfach anrufen und ihm sagen, dass ich ihn lieb hab. Erstens stimmt das nicht mehr und zweitens würde er mich auslachen und sagen, dass das nichts daran ändert, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben will."
"Das ist nicht wahr!", rief Nick aus. Seine Augen füllten sich mit Tränen, seine Lippen zitterten. "Ich weiss ganz genau, dass Du Finn noch lieb hast! Und er hat Dich nämlich auch noch lieb! Es gibt bestimmt einen anderen Grund, warum er sich nicht meldet!"
Er rannte davon, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen. Kassandra hörte, wie ein Stockwerk weiter unten eine Zimmertür zugeschlagen wurde, gefolgt vom wütenden Geheul ihres Bruders.
Sie stand auf und legte eine CD ein. Sie drehte die Anlage auf und ging langsam zu ihrem Schreibtisch zurück.
Auf dem Französischheft lag immer noch das Foto. Drei glückliche Gesichter.
Kassandras Miene war immer noch hart wie Stein.
"Nick will es einfach nicht begreifen. Er hängt so an Finn."
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten.
"Dabei ist er ein hinterhältiger Idiot."
Sie wirbelte herum und kickte mit einem wütenden Schrei ihren Sitzsack gegen die Wand.
"Ich hasse Dich, Finn! Hast Du gehört?", schrie sie gegen die Musik an.
"I'm movin on, yes I'm on the run", antworteten die Lautsprecher.
Kassandra kickte noch einmal gegen den Sitzsack.
"It's you n' me"
Ihr Handy auf dem Schreibtisch begann zu vibrieren.
"Everything can change!"
Sie stellte die Musik leiser und schnappte sich das Handy. Ohne zu schauen, wer dran war, hob sie ab.
"Ja?", sagte sie scharf.
"Hallo Engel."
Sie hätte diese Stimme unter tausenden wiedererkannt. Und "Engel" nannte sie nur einer.
"Was willst Du, Finn?" Ihr Blick wanderte genervt zum Fenster.
"Hast Du eine Stunde Zeit?"
"Eigentlich nicht, wieso?" Stumm formulierte sie die Frage: "Was willst Du?"
"Ich muss mit Dir reden."
"Kann das nicht bis morgen warten?"
"Morgen lebe ich vielleicht schon nicht mehr."
Stille.
"Ich liege seit Wochen im Krankenhaus. Ich habe Krebs."
Ihre Hand begann, zu zittern, das Handy fiel zu Boden. Ihr Mund öffnete und schloss sich mehrere Male, ohne einen Laut zu entlassen. Ihr Blick wurde leer.
"Everything can change!"

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