Wiedersehen

30.07.2015

„Hey, da hinten an der Bar ist ein Typ, der starrt dich die ganze Zeit an!“

„Sieht er gut aus?“

Maja legt den Kopf schief. „Ja“, sagt sie gedehnt. „Schon.“

Ich warte ein paar Sekunden, dann sehe ich mich in der Bar um. Mein Blick bleibt ganz automatisch an stahlblauen Augen hängen. Als ich sie erkenne, fühle ich, wie mir das Blut in die Ohren schiesst und die Schmetterlinge im Bauch zu tanzen beginnen. Immer noch. Mist.

Wegsehen bringt nichts, denn in diesem Moment blitzt Erkennen in den Augen auf und das dazugehörige Gesicht verzieht sich zu einem breiten Lachen. Ein Lachen, das ich allzu gut kenne. Ich lächle ebenfalls und winke. Wie rot mein Gesicht wohl inzwischen ist?

Maja und Thomas sehen mich erstaunt an. „Sag bloss, du kennst ihn“, sagt Maja.

„Jap“, sage ich und versuche, meine zitternden Hände stillzuhalten. Dann spüre ich auch schon eine Hand auf meiner Schulter und die stahlblauen Augen sehen mich aus einem halben Meter Entfernung an.

„Heeey“, sagt er über die Musik hinweg, als er sich lachend zu mir herunterbeugt. Seine Umarmung ist fest und warm. Immer noch. Und er riecht immer noch gut. Verdammt gut.

Reiss dich zusammen!

„Ich war mir eigentlich sicher, dass du es bist. Aber das Tattoo…“

An der Stelle, wo seine Hand meine nackte Schulter berührt, kribbelt es.

Ich lächle. „Hab‘ ich schon ein paar Monate. Gefällt es dir?“ Ich kann fast hören, wie es hinter Majas Stirn rattert, vermeide es aber, sie anzusehen.

Er nickt, während er mein Tattoo näher betrachtet. „Ziemlich cool. Und es passt.“

Maja meldet sich zu Wort. Sie stellt sich vor und streckt ihm ihre Hand entgegen. Er schüttelt sie, stellt sich ebenfalls vor und wiederholt die Prozedur mit Thomas. Majas Blick spricht Bände.

Dann muss ich erzählen, was ich die letzten paar Monate gemacht habe. Aber ich habe eigentlich wenig Lust, von meinem üblichen Alltag zu berichten. „Erzähl schon, was hast du im letzten halben Jahr angestellt? Du bist ja richtig braun gebrannt.“

Er grinst. Dreht sein Bierglas ein wenig hin und her. Zuckt mit den Schultern. „Ich war hauptsächlich auf Reisen. Hab‘ die Freiheit nach dem Studium genossen. Ein wenig gearbeitet.“ Und dann erzählt er mir, wo er überall war, welche Orte er gesehen hat, welche Menschen er getroffen hat. England, Norwegen und dann Australien. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gerade grosse Ähnlichkeit mit einem Honigkuchenpferd habe.

Fast eine halbe Stunde redet er und ich höre wie gebannt zu. Vergesse die Bar um mich herum und die laute Musik. Bald schmerzen meine Gesichtsmuskeln vor Lachen. Seine Geschichten sind unglaublich spannend. Doch dann sagt er plötzlich: „Ich glaube, meine Freunde suchen schon nach mir. Hast du immer noch dieselbe Handynummer? Wir müssen uns unbedingt mal zu einem Kaffee verabreden.“

In dem Moment werden die Schmetterlinge für einen Moment lahm. „Ja, klar. Meldest du dich bei mir? Ich bin mit sowas ziemlich vergesslich.“ Mein Lächeln wird etwas steif. „Super, dann schreib ich dir. Wenn du am Wochenende Zeit hättest, wär das perfekt.“

„Ja, klar.“ Ich habe unbewusst die Arme vor dem Körper verschränkt.

Er umarmt mich fest zum Abschied. „Es ist echt cool, dich wieder zu sehen. Ich hab dich richtig vermisst. Bis bald also!“ Er winkt den anderen beiden zu und geht zur Bar zurück.

Maja will mich sofort ausquetschen. „Wer ist der Typ? Wie lange kennt ihr euch schon? Seid ihr befreundet?“ Aber ich habe irgendwie grad keine Lust zum Reden und gebe nur halbpatzige Antworten, sage ihr, er sei ein Bekannter und wir hätten in derselben Nachbarschaft gewohnt, bis er vor acht Monaten sein Studium abgeschlossen und sich ins Ausland verabschiedet hat. Ein paar Minuten später sehe ich ihn mit ein paar Freunden aus der Bar gehen. Er winkt mir noch einmal zu, bevor er durch die Tür verschwindet.

Wir reden den Rest des Abends über etwas anderes. Thomas muss uns von seinem neuesten Projekt berichten und Maja hatte mal wieder Stress mit ihrem Bruder. Ich bemühe mich zuzuhören, meine Gedanken nicht wieder abschweifen zu lassen. Leicht ist es nicht. Irgendwann beschliessen wir, nach Hause zu gehen, denn wir müssen alle wieder früh raus.

Auf dem Nachhauseweg krame ich widerwillig mein Handy aus der Handtasche. Eigentlich sollte ich es lassen, das war schon immer eine schlechte Angewohnheit. Aber in diesem Moment vibriert es.

Hey, das war richtig cool heute Abend! Hast du am Samstag Zeit für einen Kaffee? Oder lieber Abendessen? In dem Burgerladen, wo wir mit unseren Mitbewohnern immer waren? Wir haben bestimmt einiges zu erzählen ;-) Melde dich, ich würde mich riesig freuen!

Da flattern die Schmetterlinge wieder und das Blut pumpt mit voller Kraft durch meinen Kopf.

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